Unsicheres Wissen
In den bisher besprochenen Repräsentationen wurde Wissen immer in
Form von eindeutigen Fakten, Regeln, Bedingungen oder Abbildungen gespeichert.
Oft ist es jedoch nicht möglich, eindeutige Aussagen über die
reale Welt zu treffen oder einen strikten Zusammenhang zwischen Bedingung
und Schlußfolgerung herzustellen. Vielmehr können Aussagen und
Schlußfolgerungen nur mit einer bestimmten Unsicherheit getroffen
werden. Eine Möglichkeit diese Unsicherheit darzustellen ist, anzugeben
mit welcher Wahrscheinlichkeit die Aussagen und Schlußfolgerungen
zutreffen. Quellen für die Unsicherheit von Information können
sein [Gottlob1990]:
-
Inhärente Unsicherheit der Information,
-
z.B. die Information eines Temperatursensors mit der Toleranz von
C.
-
Unvollständigkeit der Information
-
, es werden z.B. fehlende Informationen durch Annahmen ersetzt, sind alle
Schlußfolgerungen, die auf dieser Annahme basieren, unsicher.
-
Unsicherheit von Schlußfolgerungen:
-
Es kann kein strikter Zusammenhang zwischen Bedingung und Schlußfolgerung
hergestellt werden, z.B. ,,Wenn der Patient mehr als
C
Fieber hat, dann ist er mit der Wahrscheinlichkeit von 0,7 an Grippe erkrankt.''
-
Zusammenfassung von Informationen aus mehreren Quellen,
-
widersprechen sich z.B. die Aussagen von zwei Experten, so erhöht
dies die Unsicherheit dieser Aussagen.
Unsicherheiten können nummerisch oder symbolisch dargestellt werden.
Bei der symbolischen Repräsentation wird der Grad der Unsicherheit
durch Elemente aus einer vorgegebenen Menge von Symbolen ausgedrückt,
z.B. durch Begriffe wie ,,meistens'', ,,beinahe'', ,,immer'', usw. Bei
dieser Methode ist es aber schwierig die Fortpflanzung der Unsicherheit
beim Schlußfolgern zu berücksichtigen.
Bei der nummerischen Repräsentation wird die Unsicherheit durch
die Zuordnung von einem oder mehreren Zahlenwerten, z.B. der Wahrscheinlichkeit,
ausgedrückt. Für die Darstellung der Fortpflanzung der Unsicherheit
gibt es mathematische Formalismen. Jedoch ist es oft nicht möglich,
einer Aussage oder Schlußfolgerung einen exakten Wahrscheinlichkeitswert
zuzuordnen. Im nachfolgenden werden drei Verfahren zur nummerischen Repräsentation
von Unsicherheit vorgestellt.
Theorem von Bayes
In der klassischen Wahrscheinlichkeitsrechnung ist die Wahrscheinlichkeit
als
 |
(3.11) |
definiert. Diese Definition erweist sich für die Darstellung von Unsicherheiten
als nicht geeignet. Daher wird die Wahrscheinlichkeit als der Grad des
Vertrauens einer Person in eine Hypothese definiert. Eine Hypothese bezeichnet
eine Annahme über einen Sachverhalt. Die Wahrscheinlichkeiten sind
Werte im Intervall [0,1]. Folgende Schreibweisen werden im weiteren verwendet
[Gottlob1990]:
>
 |
... |
Wahrscheinlichkeit, daß X wahr
ist |
 |
... |
Wahrscheinlichkeit, daß
alle wahr sind |
 |
... |
Wahrscheinlichkeit, daß
alle wahr sind, unter der Voraussetzung, daß
wahr sind (bedingte Wahrscheinlichkeit) |
<>
Allgemeines Theorem von Bayes
Gegeben sei eine Menge von Hypothesen
und eine Menge von Ereignissen .
Das allgemeine Bayes'sche Theorem baut auf folgenden Voraussetzungen auf
[Gottlob1990]:
Die Hypothesen in der Menge H schließen sich gegenseitig aus:
Die Menge H ist erschöpfend:
 |
(3.12) |
Jedes Teilergebnis
ist bedingt unabhängig von jeder Hypothese:
 |
(3.13) |
Das allgemeine Bayes'sche Theorem besagt, daß die a-posteriori Wahrscheinlichkeit
einer Hypothese
als Funktion der bedingten Wahrscheinlichkeiten
sowie der a-priori Wahrscheinlichkeiten
berechnet werden kann [Gottlob1990]:
 |
(3.14) |
Der Spezialfall für ein Ereignis
und eine Hypothese
sieht folgendermaßen aus:
 |
(3.15) |
Die Anwendung des Satzes soll nun durch ein Beispiel veranschaulicht werden.
Im Beispiel tritt das Ereignis
,,Die Reifen eines Autos quietschen.'' mit der Wahrscheinlichkeit
auf; die Hypothese
,,Die Bremsen des Autos sind schlecht eingestellt.'' mit der Wahrscheinlichkeit .
Nehmen wir weiters an, daß schlecht eingestellte Bremsen oft,
aber nicht immer, ein Quietschen der Räder verursachen. Die bedingte
Wahrscheinlichkeit dafür ist .
Wenn man nun ein Quietschen der Reifen beobachtet, so kann man mit Hilfe
des Bayes'schen Theorem die Wahrscheinlichkeit berechnen, daß die
Bremsen schlecht eingestellt sind.
Durch die Beobachtung des Ereignisses
hat sich die Wahrscheinlichkeit der Hypothese
von 0,02 auf 0,28 erhöht. Die Berechnung von
ausgehend von
kann als Neubewertung der Hypothese
beim Eintreten des Ereignisses
aufgefaßt werden. Darin liegt die Stärke dieses Theorems. Mit
ihm läßt sich die Fortpflanzung der Unsicherheit berechnen.
Der Nachteil ist jedoch, daß zu jedem Ereignis und zu jeder Hypothese
die Wahrscheinlichkeit und die entsprechenden bedingten Wahrscheinlichkeiten
gespeichert werden müssen. Dies erfordert eine große Datenmenge,
die schwer zu beschaffen ist und auch oft nicht mit mathematischer Exaktheit
beschafft werden kann. [Gottlob1990]
Certainty Factors
In der Praxis werden daher aus oben genannten Gründen Unsicherheiten
anstelle von Wahrscheinlichkeiten durch sogenannte Certainty Factors ausgedrückt.
Jeder Regel wird ein fester Certainty Factor zugeordnet. Den Fakten, die
eine Regel erfüllen muß, sind dynamische Certainty Faktoren
zugeordnet. Bei der Abarbeitung einer Regel wird aus den festen und dynamischen
Faktoren der Certainty Factor der Schlußfolgerung berechnet. Somit
erhält man neue, bewertete Fakten. Der Vorteil der Certainty Factors
liegt darin, daß für jede Regel und für jedes Faktum nur
ein Wert gespeichert werden muß. Es werden keine bedingten Wahrscheinlichkeiten
gespeichert. Daher sind sie einfacher zu handhaben und leichter zu implementieren.
Die Implementierung von Certainty Factors wird im Abschnitt 6.8
anhand von Expertensystemen genauer ausgeführt. [Gottlob1990]
Fuzzy Logik
Der Grundgedanke der Fuzzy Logik ist es, eine Theorie der unscharfen Mengen
zu entwickeln. Durch die unmittelbare Verknüpfung zwischen Mengenlehre
und Logik ist damit auch die Theorie der unscharfen Logik verknüpft.
An dieser Stelle soll nur erwähnt werden, wie in der Fuzzy Logik unsicheres
Wissen gespeichert wird. Näher wird auf dieses Thema in Kapitel 7
eingegengen. [Rojas1993]
In der klassischen Mengenlehre gilt für ein Objekt, daß es
entweder Element oder kein Element der Menge ist. In der Fuzzy Logik besitzt
eine Menge keine so scharfen Grenzen. Damit ist es möglich, daß
ein Element nur ,,zu einem bestimmten Grad'' einer Menge angehört.
Der Grad der Zugehörigkeit wird durch einen Wert aus dem Intervall
[0,1] angegeben. Dieses Konzept erweist sich als vorteilhaft, wenn man
Zuordnungen aus dem natürlichen Sprachgebrauch darstellen will.
Ein Beispiel dafür ist die Aussage: ,,Die Person X ist groß.''.
Befragt man mehrere Personen wo für sie die Grenze liegt, ab wann
eine Person als groß gilt, so wird man keinen eindeutigen Grenzwert
erhalten. Für manche beginnt groß schon bei 1,75m, für
andere erst bei 1,85m. In der Fuzzy Logik kann diese unscharfe Grenze mit
der Mitgleidsgradfunktion ausgedrückt werden. Abbildung
3.9
zeigt einen solchen Verlauf für die Zugehörigkeit zur Menge der
großen Personen. Die Mitgliedsgradfunktion ordnet z.B. eine Person
die 1,85m groß ist, mit dem Grad 0,8 zur Menge der großen Personen
zu.
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Abbildung: Beispiel für die Definition
einer Fuzzy Menge. Gezeigt wird die Zuordnung zur Menge der großen
Personen mit Hilfe der Mitgliedsgradfunktion.
Gerald Reif
2000-02-01 |